Das Kelly-Kriterium — ein gutes Werkzeug zur Positionsgrößenbestimmung?
Das Kelly-Kriterium ist verführerisch: eine Formel, die dir exakt sagt, wie viel du einsetzen sollst, damit dein Kapital langfristig am schnellsten wächst. Das klingt nach dem heiligen Gral des Positionssizings. Im richtigen Umfeld — Blackjack mit akkurat gezählten Karten — ist Kelly schlicht elegant. Im Retail-Forex hört es auf, ein heiliger Gral zu sein, und wird zu einem raffinierten Weg, ein Konto innerhalb von sechs Monaten zu ruinieren. Dieser Artikel erklärt, warum das so ist, und wann Kelly tatsächlich einen Sinn ergibt.
Wer Kelly war und was er 1956 wirklich geschrieben hat
John Larry Kelly Jr. war Physiker bei Bell Labs in New Jersey — in demselben Labor, in dem Claude Shannon wenige Jahre zuvor die Grundlagen der Informationstheorie gelegt hatte. Kelly widmete sich einer scheinbar unverwandten Frage: Wenn jemand ein Spiel mit bekanntem, positivem Erwartungswert wiederholt spielt und dabei sein Kapital reinvestiert, welchen Bruchteil des Kapitals sollte er jedes Mal einsetzen, damit sein Vermögen maximal schnell wächst? Die Antwort erschien im Juli 1956 im Bell System Technical Journal unter dem Titel A New Interpretation of Information Rate. Es war eine elegante Anwendung des Erwartungswerts auf den Logarithmus des Kapitals: Kelly zeigte, dass f = (bp − q) / b die logarithmische Wachstumsrate maximiert. Dabei ist b das Gewinn-Verlust-Verhältnis, p die Gewinnwahrscheinlichkeit und q die Verlustwahrscheinlichkeit. Alles andere ist Konsequenz.
Was Kelly wirklich misst — mit einer Beispielrechnung
Hier verliert sich das intuitive Verständnis der Formel am häufigsten. Kelly maximiert weder die Trefferquote einer einzelnen Position noch das arithmetische Mittel der Renditen, noch minimiert er Drawdowns. Kelly maximiert die geometrische Wachstumsrate des Kapitals über einen sehr langen Zeithorizont — unter der Annahme, dass du jeden Euro reinvestierst. Geometrisches Wachstum ist nicht dasselbe wie arithmetisches: Ein einzelner großer Verlust wiegt weit schwerer, als ein durchschnittlicher Gewinn ihn ausgleicht. Genau deshalb gibt Kelly bewusst einen Teil des potenziellen Durchschnittsgewinns auf, um das Ruinrisiko zu senken.
Ein Beispielhändler führt seit zwei Jahren ein ehrliches Handelstagebuch. Seine Trefferquote liegt bei 55 Prozent, seine durchschnittlichen Gewinne sind 1,5-mal so groß wie seine durchschnittlichen Verluste. Einsetzen in die Formel: b ist 1,5, p ist 0,55, q ist 0,45. Der Zähler wird zu 0,55 mal 1,5 minus 0,45, also 0,825 minus 0,45, also 0,375. Der Nenner ist 1,5. Das Ergebnis: 0,25. Volles Kelly sagt diesem Händler, er solle ein Viertel seines Kontos pro Trade riskieren. Auf einem Konto von €40.000 bedeutet das einen Verlust von €10.000, wenn der Stop Loss ausgelöst wird. Das ist der Moment, in dem der Mathematiker lächelt — und der Praktiker nach einem Glas kaltem Wasser greift.
Warum volles Kelly für Retail-Trader selbstzerstörerisch ist
Aus drei Gründen. Der erste: Kelly setzt voraus, dass du p und b exakt kennst. Beim akkurat gezählten Blackjack gilt das — das Kartendeck hat eine präzise definierte Verteilung. Im Forex gilt es niemals. Deine Trefferquote und dein Gewinn-Verlust-Verhältnis sind Schätzwerte aus ein paar Hundert Trades, belastet durch Stichprobenfehler, Regimefehler und häufig durch den Optimierungsbias aus Backtests, in denen du unbewusst nur die gewinnenden Varianten behältst.
Der zweite Grund ist mathematischer Natur und hat eine brutale Asymmetrie. Unterschätzt du p um fünf Prozentpunkte, sagt dir die Formel, weniger einzusetzen — du gibst etwas Wachstum auf, überlebst aber. Überschätzt du p um dieselben fünf Punkte, sagt dir die Formel, deutlich mehr einzusetzen, und Drawdowns wachsen nichtlinear. Aus einem kleinen Eingabefehler wird eine katastrophale Ausgabe.
Der dritte Grund ist psychologischer Art und wohl der wichtigste. Monte-Carlo-Simulationen unserer Beispielstrategie zeigen: Unter vollem Kelly ist das Auftreten eines 50-prozentigen Drawdowns innerhalb weniger Hundert Trades praktisch sicher. Nach einem 50-prozentigen Drawdown muss das Kapital verdoppelt werden, um wieder den Ausgangspunkt zu erreichen — das ist nicht „minus fünfzig, dann plus fünfzig", sondern „minus fünfzig, dann plus hundert". Kaum ein Retail-Trader, dem das Geld wirklich gehört, hält das durch. Er verlässt den Markt am denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Als Trader statistisch richtig gelegen — als Mensch verloren.
„Das Kelly-System ist eine Wettstrategie, die dem Spieler auf lange Sicht zu einem größeren Vermögen verhilft als jedes andere System." — William Poundstone, Fortune's Formula, 2005
Fraktionales Kelly — ein Kompromiss, der manchmal sinnvoll ist
Da volles Kelly praktisch unbrauchbar ist, arbeitet die professionelle Welt seit Langem mit seiner fraktionalen Version. Man nimmt den Formelwert und multipliziert ihn mit 0,5 oder 0,25. Man tauscht theoretisches Wachstumspotenzial gegen radikal niedrigere Volatilität. Sagt volles Kelly 25 Prozent, sagt das Viertel 6,25 Prozent — immer noch mehr als die Einprozent-Regel, aber Drawdowns werden erträglich, und das Ruinrisiko bei realistischem Schätzfehler sinkt um eine Größenordnung. Edward Thorp, der erste ernstzunehmende Praktiker von Kelly (die Grundlagen des Risikomanagements erklärt, warum das zählt), hat öffentlich erklärt, bei Princeton Newport Partners stark fraktionale Varianten verwendet zu haben.
Fraktionales Kelly ist nur dann sinnvoll, wenn du drei Bedingungen gleichzeitig erfüllst. Erste: Du hast eine ehrliche Handelshistorie von mindestens einigen Hundert Trades einer einzigen Strategie über verschiedene Marktphasen hinweg. Zweite: Du kannst abschätzen, wie stark dein p und dein b zwischen Jahreszeiträumen schwanken — nur dieser Schwankungsbereich sagt dir, welcher Multiplikator sicher ist. Dritte: Du akzeptierst Drawdowns von 20 bis 30 Prozent und den maximalen Drawdown als Teil der Strategie betrachtest, nicht als Grund zum Aufhören. Die meisten Retail-Trader erfüllen keine dieser Bedingungen.
Warum die Einprozent-Regel meistens gewinnt
Hier kommt die Pointe, die die meisten Leser nicht erwarten: Für einen typischen Retail-Forex-Trader schlägt die klassische Einprozent-Regel Kelly in der Praxis systematisch. Nicht weil sie mathematisch überlegen wäre — in der reinen Theorie ist Kelly per Definition optimal. Sie gewinnt, weil sie robust gegenüber dem ist, was ein Retail-Trader nicht weiß. Die Einprozent-Regel braucht keine Wahrscheinlichkeiten, keine statistisch signifikante Stichprobe, keine Annahme über Marktsstationarität. Sie sagt schlicht: Riskiere ein Prozent des Kapitals, passe die Lotgröße so an, dass der Stop Loss in Pips diesem Betrag entspricht, fertig. Mathematisch ist das dramatisch weniger als jedes vernünftige Kelly-Ergebnis. In der Praxis ist es der Unterschied zwischen „Ich habe fünf Jahre überlebt und sehe Kapitalwachstum" und „Ich habe das Konto halbiert und aufgehört". Das deckt sich gut mit den Zahlen: In seiner Produktinterventionsüberprüfung von 2018 stellte die ESMA fest, dass 74 bis 89 Prozent der Retail-CFD-Konten Geld verlieren — ein starkes Indiz dafür, dass das Problem im Retail-Bereich aggressives Sizing ist, nicht zu konservatives.
Anders formuliert: Kelly setzt voraus, dass du dein p kennst. Die Einprozent-Regel setzt voraus, dass du es nicht kennst. Das zweite Annahme liegt der Retail-Realität erheblich näher. Wenn du irgendwann in den professionellen Bereich wechselst, mit einem Tagebuch von Tausenden Trades über verschiedene Marktphasen, wird fraktionales Kelly zur sinnvollen Option. Bis dahin gewinnt ein Prozent. Manche Händler schauen sich dazu die verfügbaren Handelsstrategien an — beide Regeln liegen weit im konservativen Bereich, weit unterhalb von vollem Kelly.
Was jetzt zu tun ist
- Öffne dein Handelstagebuch und berechne ehrlich aus mindestens den letzten zweihundert Positionen dein eigenes p (Anteil der Gewinn-Trades) und b (Verhältnis des durchschnittlichen Gewinns zum durchschnittlichen Verlust); ist die Stichprobe kleiner, versuche keine Version von Kelly anzuwenden — sammle zunächst einen statistisch belastbaren Datensatz, bevor du überhaupt anfängst, die Formel auszufüllen.
- Setze diese Zahlen aus reiner Neugier in die Formel f = (bp − q) / b ein und vergleiche das Ergebnis mit einem Prozent — liegt dein fraktionales Kelly (die Hälfte oder ein Viertel des vollen Werts) in der Nähe von einem Prozent, bist du auf sicherem Terrain; liegt es deutlich darüber, hast du fast sicher dein p überschätzt, und die Einprozent-Regel bleibt die vernünftigere Wahl.
- Führe einen einfachen Sensitivitätstest durch: Wiederhole die Berechnung mit einem um fünf Prozentpunkte abgesenkten p und beobachte, wie stark sich die empfohlene Positionsgröße verändert — ist der Sprung groß, ist das ein direkter Beweis, dass deine Strategie gegenüber Kelly zu sensitiv ist und die Einprozent-Regel die einzig vernünftige Wahl bleibt.
- Setze unabhängig von diesen Berechnungen harte tägliche und monatliche Verlustlimits — zum Beispiel drei Prozent des Kapitals pro Tag und acht Prozent pro Monat — und schreibe sie in deine Strategiedatei; das Sizing pro Trade ist nur eine von drei Dimensionen des Risikomanagements, die anderen beiden sind zeitbasierte Limits und lebendige psychologische Disziplin.
- Trage eine Erinnerung in den Kalender ein, diese Berechnungen in sechs Monaten zu wiederholen — Kelly ist keine einmalige Entscheidung, sondern ein Parameter, der mit wachsenden Marktdaten und sich verändernden Makrobedingungen regelmäßig neu kalibriert werden muss; ohne periodische Überprüfung beschreibt jedes auf historischen p und b basierende Sizing irgendwann nicht mehr die aktuelle Realität.
Quellen und Literatur
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J. L. Kelly Jr., Bell System Technical Journal A New Interpretation of Information Rate · oryginalna praca z 1956 r., w której Kelly wyprowadził wzór z teorii informacji Shannona archive.org ↗
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Edward O. Thorp archiwum autora — Beat the Dealer i The Kelly Capital Growth Investment Criterion · Thorp pierwszy zastosował Kelly’ego w blackjacku (1962) i w zarządzaniu funduszem; dziś najczęściej cytowany praktyk www.edwardothorp.com ↗
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Internet Archive Fortune’s Formula — William Poundstone (Hill and Wang, 2005) · popularna, ale rzetelna historia kryterium Kelly’ego od Bell Labs przez Las Vegas po Wall Street archive.org ↗
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ESMA ESMA agrees to prohibit binary options and restrict CFDs to protect retail investors · urzędowe potwierdzenie, że 74–89 proc. detalicznych rachunków CFD traci pieniądze — kontekst dla wszelkich dyskusji o agresywnym sizingu www.esma.europa.eu ↗
Häufig gestellte Fragen
Woher stammt die Kelly-Formel und was maximiert sie eigentlich?
Die Formel veröffentlichte John Larry Kelly Jr. im Juli 1956 im Bell System Technical Journal unter dem Titel „A New Interpretation of Information Rate". Kelly arbeitete bei Bell Labs und beschäftigte sich mit Shannons Informationstheorie — er suchte nach einer Antwort auf eine schlichte Frage: Wie viel sollte ein Spieler bei einer Wette mit bekannter Wahrscheinlichkeit einsetzen, damit sein Kapital langfristig maximal schnell wächst? Die Antwort ist die heute bekannte Formel f = (bp − q) / b. Entscheidend ist: Kelly maximiert weder das arithmetische Mittel der Gewinne noch die Trefferquote eines einzelnen Trades — er maximiert die geometrische Wachstumsrate des Kapitals, also das, was tatsächlich zählt, wenn du jeden Euro reinvestierst. Das ist ein grundlegender Unterschied zur populären Intuition „Setze mehr, wenn du einen Vorteil hast". Kelly sagt: Setze exakt das, was die Formel vorschreibt — keinen Cent mehr, denn jede Überschreitung erhöht das Ruinrisiko schneller, als sie das Wachstum beschleunigt. Diese kontraintuitive Grenze ist der eigentliche Grund für Kellys Ruhm.
Warum macht volles Kelly für Retail-Forex-Trader keinen Sinn?
Aus drei Gründen, die sich gegenseitig verstärken. Erstens: Kelly setzt voraus, dass du p und b exakt kennst. Beim akkurat gezählten Blackjack gilt diese Annahme. Im Forex gilt sie niemals — deine Trefferquote und dein Gewinn-Verlust-Verhältnis sind Schätzwerte, belastet durch statistischen Stichprobenfehler, Marktregimefehler und häufig Survivorship-Bias aus zu optimistischen Backtests. Zweitens der mathematische Grund mit seiner brutalen Asymmetrie: Überschätzt du p um nur fünf Prozentpunkte, sagt dir die Formel, etwa doppelt so viel einzusetzen wie eigentlich angemessen — und Drawdowns wachsen dabei nichtlinear. Drittens der psychologische Grund. Monte-Carlo-Simulationen der Beispielstrategie (55 Prozent Trefferquote, durchschnittlicher Gewinner 1,5-mal so groß wie der Verlierer) zeigen: Ein 50-prozentiger Drawdown innerhalb einiger Hundert Trades ist unter vollem Kelly praktisch sicher. Kein Retail-Trader, dem das Geld wirklich gehört, hält das aus — er steigt am denkbar schlechtesten Moment aus.
Wann macht fraktionales Kelly (Hälfte oder Viertel) Sinn?
Fraktionales Kelly ist der klassische Kompromiss: Du nimmst den vollen Formelwert und multiplizierst ihn mit 0,5 (Hälfte) oder 0,25 (Viertel). Die Idee: Du gibst theoretisches Wachstumspotenzial auf und tauschst es gegen deutlich niedrigere Volatilität. Das ergibt Sinn — aber nur dann, wenn du drei Bedingungen gleichzeitig erfüllst. Erste: Du hast eine ehrliche Handelshistorie von mindestens einigen Hundert Trades einer einzigen Strategie über verschiedene Marktphasen. Zweite: Du kannst abschätzen, wie stark dein p und dein b zwischen Jahreszeiträumen schwanken — erst dieser Schwankungsbereich sagt dir, welcher Multiplikator sicher ist. Dritte: Du akzeptierst Drawdowns von 20 bis 30 Prozent und verlässt die Strategie nicht mitten in einem solchen Tal. Die meisten Retail-Trader erfüllen keine dieser Bedingungen. Deshalb ist fraktionales Kelly ein Werkzeug für Profis, nicht für Autodidakten nach drei Monaten auf MetaTrader.
Warum schlägt die Einprozent-Regel Kelly in der Praxis so oft?
Weil sie nichts voraussetzt, was ein Retail-Trader nicht ohnehin weiß. Die Einprozent-Regel braucht weder p noch b noch eine historische Verteilung der Trades. Sie sagt schlicht: Riskiere ein Prozent des Kapitals pro Position, passe die Lotgröße so an, dass dein Stop Loss in Pips genau diesem Betrag entspricht — und beende die Debatte. Mathematisch ist das weit konservativer als jeder vernünftige Kelly-Wert, und genau deshalb ist es robust. Überschätzt du deine Edge um fünf Prozentpunkte, ändert sich deine reale Exposition nur symbolisch, und Drawdowns explodieren nicht. Es ist die vollständige Umkehrung von Kellys Logik: Ein Retail-Trader braucht keine Optimalität, er braucht das Überleben seiner ersten fünf Marktjahre. Die Einprozent-Regel kauft dieses Überleben fast umsonst. Kelly kauft Optimalität nur dann, wenn du verlässliche Eingabezahlen hast — und Retail-Trader haben sie nicht. Deshalb das ehrliche Fazit: ein Prozent für 95 Prozent der Retail-Trader; fraktionales Kelly erst nach Jahren disziplinierter Praxis und zuverlässiger Statistiken.
Tiefer eintauchen · der vollständige Leitfaden
- Grundlagen des Risikomanagements — das Vier-Säulen-Fundament jedes Traders
- Die Ein-Prozent-Regel — Positionsgröße berechnen und das Konto schützen
- Erwartungswert im Trading — verdient deine Strategie wirklich Geld?
- Zwei-Prozent- vs. Ein-Prozent-Regel — wann mehr riskieren?
- Maximaler Drawdown — was bedeutet das für dein Konto?