Aufzinsung vs. festes Lot — welches Positionsgrößen-System?

Risikohinweis · YMYL Dieser Artikel dient ausschließlich zu Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Der Handel am Forex-Markt birgt ein hohes Risiko des Kapitalverlusts — die ESMA berichtet, dass zwischen 74 % und 89 % der Privatanlegerkonten Verluste erleiden.

Mark eröffnete ein Handelskonto mit 10.000 Euro und einer einzigen Regel: Zwei Prozent des Kapitals je Position riskieren. Der erste Monat lief glänzend — ein Gewinn von 20 Prozent ließ seine Lotgröße von 0.2 auf 0.24 steigen. Im zweiten Monat drehte die Geschichte: Zehn Verlust-Trades hintereinander, jeder mit einem größeren Lot als zu Beginn, rissen das Konto direkt zurück auf 10.000 Euro. Ein bescheidenes Plus von 2.000 Euro im dritten Monat hinterließ kaum eine Spur, und nach drei Monaten intensiver Arbeit zeigte der Kontostand exakt dasselbe wie am Eröffnungstag. Dieser Artikel erklärt die zwei Systeme, die über solche Verläufe entscheiden — die Aufzinsung der Positionsgröße und das feste Lot —, die Mathematik dahinter, die psychologischen Fallen beider Ansätze und welcher auf deinem Konto an diesem Punkt deiner Laufbahn hingehört.

Was Aufzinsung und festes Lot wirklich unterscheidet

Die Positionsgröße ist eine der drei Variablen, die Kontowachstum messbar beeinflussen — neben Trefferquote und Chance-Risiko-Verhältnis (CRV). Jeder Trader löst diese Frage sehr früh, oft ohne es bewusst zu merken, und die Entscheidung prägt die gesamte Equity-Kurve der nächsten fünf bis zehn Jahre.

Aufzinsung — auch Prozentrisiko-Methode oder fraktionale Positionsgröße genannt — bedeutet: Das Lot wächst mit dem Kontostand. Die Formel ist einfach: Lot = (Kontostand × Risikoprozent) ÷ (Stop-Loss-Pips × Pip-Wert). Bei einem 10.000-Euro-Konto, einem Prozent Risiko und einem Stop Loss von 30 Pips auf EUR/USD ergibt das 0.33 Lots. Steigt der Kontostand auf 12.000 Euro, liefert dieselbe Formel 0.40 Lots, bei 15.000 Euro sind es 0.50 Lots. Die Position wächst im Gleichschritt mit der Equity-Kurve.

Das feste Lot ist das Gegenteil. Du handelst 0.1 Lot, egal ob das Konto 10.000 Euro, 12.000 Euro oder nach einem Drawdown nur noch 5.000 Euro zeigt. Die Positionsgröße ist von der Equity-Kurve entkoppelt — und genau diese Entkopplung ist Quelle sowohl der Stärken als auch der Grenzen des Systems.

Die Mathematik von exponentiellem und linearem Wachstum

Der Unterschied zwischen Aufzinsung und festem Lot zeigt sich am deutlichsten über einen langen Horizont. Angenommen, ein Trader erzielt bei einem bestimmten Lot eine Jahresrendite von 50 Prozent — aggressiv, aber gut geeignet, um die Mathematik zu verdeutlichen. Die Aufzinsung reinvestiert jeden Euro Gewinn, sodass im zweiten Jahr der 50-Prozent-Ertrag auf eine größere Basis angewendet wird. Ein über den gesamten Zeitraum konstantes festes Lot addiert jedes Jahr denselben nominalen Betrag — in diesem Beispiel 5.000 Euro, unabhängig vom Kontostand.

Kapitalentwicklung bei 50 Prozent Jahresrendite über fünf Jahre
Jahr nullStartkapital 10.000 Euro in beiden Systemen
Ende Jahr einsAufzinsung 15.000 Euro / festes Lot 15.000 Euro — identisch
Ende Jahr zweiAufzinsung 22.500 Euro / festes Lot 20.000 Euro — Abstand von 2.500 Euro öffnet sich
Ende Jahr dreiAufzinsung 33.750 Euro / festes Lot 25.000 Euro
Ende Jahr vierAufzinsung 50.625 Euro / festes Lot 30.000 Euro
Ende Jahr fünfAufzinsung 75.938 Euro / festes Lot 35.000 Euro
Kumulierter FaktorAufzinsung: 7.6-faches Startkapital, festes Lot: 3.5-faches Startkapital

Nach fünf Jahren liefert das Aufzinsungssystem ein 2.2-fach besseres Ergebnis als das feste Lot. Beeindruckend — aber es setzt eine Annahme voraus, die reale Märkte selten erfüllen: fünf aufeinanderfolgende Jahre ohne nennenswerten Drawdown. Tritt in Jahr drei ein Verlust von 30 Prozent auf — für Retail-Trader vollkommen normal —, verliert das Aufzinsungssystem in absoluten Zahlen deutlich mehr als das feste Lot. 30 Prozent Verlust auf einem 22.500-Euro-Konto bedeuten 6.750 Euro. Dieselben 30 Prozent auf einem 20.000-Euro-Konto sind 6.000 Euro. In reinen Geldbeträgen blutet das Aufzinsungssystem in Rückschlagphasen stärker.

Die Psychologie des Drawdowns bei Aufzinsung

Die Mathematik von Verlusten ist asymmetrisch. Um einen Drawdown von 20 Prozent aufzuholen, braucht man einen Gewinn von 25 Prozent. Ein Verlust von 50 Prozent erfordert 100 Prozent Gewinn, um die Gewinnschwelle zurückzugewinnen, und bei 80 Prozent Verlust sind unvorstellbare 400 Prozent nötig. Die Aufzinsung verwandelt diese Asymmetrie in ein noch härteres psychologisches Problem.

Stell dir einen Trader vor, der sein Konto von 10.000 auf 20.000 Euro verdoppelt hat. Die Positionsgröße wuchs dabei von 0.1 auf 0.2 Lots. Nun trifft ein Drawdown von 20 Prozent ein und der Kontostand fällt auf 16.000 Euro, mit proportional sinkendem Lot auf 0.16. Jeder nachfolgende Verlust-Trade tut nominal mehr weh als jeder Trade zu Beginn der Laufbahn — obwohl das prozentuale Risiko unverändert blieb. Für die meisten Anfänger ist das der Kipppunkt: Panik, Systemwechsel, zögerlicher Wiedereinstieg mit kleinerem Lot, dann Schwingung zurück zu größerem. Der Aufzinsungseffekt wird psychologisch zerstört, bevor er in vollem Umfang wirken konnte.

  • Ein Drawdown von 10 Prozent auf einem 50.000-Euro-Konto. Das sind 5.000 Euro in bar — eine Zahl, die die meisten Anfänger kaum ertragen. Beim festen Lot wäre derselbe prozentuale Verlust dreimal kleiner in absoluten Geldbeträgen.
  • Rückkehr zum vorherigen Kontostand. Das Aufzinsungssystem braucht 11.1 Prozent Gewinn auf die nun kleinere Position. Das feste Lot braucht denselben Geldbetrag, erholt sich aber schneller, weil das Lot nie reduziert wurde.
  • Der Verhaltenseffekt. Erfahrene Trader tolerieren Aufzinsungs-Drawdowns, weil sie hunderte dokumentierte Trades haben, die ihren statistischen Vorsprung bestätigen. Anfängern fehlt dieser Puffer — genau deshalb neigen sie dazu, im ungünstigsten Moment das System zu wechseln.
„Positionsgrößenbestimmung ist keine Ergänzung zur Strategie — sie ist ein größerer Teil deines Vorsprungs als das Einstiegssignal selbst. Wenn deine Sizing-Methode nicht zu deiner Psychologie passt, wird auch die beste Strategie der Welt dich nicht retten." — Van K. Tharp, Trade Your Way to Financial Freedom, 1999

Das Anti-Martingal-Hybrid — Aufzinsung mit einem Mindestwert

Professionelle Positionsgrößenbestimmung ist selten reine Aufzinsung oder reines festes Lot. Risikomanager in Hedgefonds nutzen typischerweise ein Hybrid-System, das als Anti-Martingal bekannt ist: Die Lotgröße steigt nach Gewinnen, fällt aber nach Verlusten nur bis zu einem definierten Mindestlot ab und nie darunter.

Die Regel ist eindeutig. Die Lotgröße wird genau wie bei einem Aufzinsungssystem berechnet, aber es gilt eine Untergrenze — zum Beispiel 0.1 Lot —, unter die die Position nie geht, auch nicht nach einem tiefen Drawdown. Oft kommt eine zweite Beschränkung hinzu: eine Obergrenze, etwa 1.0 Lot, die psychologische Grenze, über die der Trader sein Lot auch bei starkem Kontowachstum nicht skaliert.

In der Praxis sieht das so aus: Ein 10.000-Euro-Konto wächst auf 15.000 Euro, das Lot steigt von 0.1 auf 0.15 — klassische Aufzinsung. Dann trifft ein Drawdown, der Kontostand fällt auf 5.000 Euro; eine reine Aufzinsungsregel würde 0.05 Lots fordern, aber die Untergrenze hält die Größe bei 0.1 Lot. Weiteres Wachstum bringt den Kontostand auf 100.000 Euro, die Formel empfiehlt nun 1.0 Lot — ab diesem Punkt greift die Obergrenze, das Lot skaliert nicht weiter, auch wenn das Konto es täte.

Der Vorteil wirkt in beide Richtungen. Im Aufwärtstrend nutzt der Trader den größten Teil des Aufzinsungseffekts, das Wachstum bleibt exponentiell. Im Drawdown verhindert die Untergrenze psychologische Lähmung — die Position schrumpft nie auf eine unpraktisch kleine Größe, und die Erholung ist schneller, weil das Lot nicht kollabiert ist. Die Obergrenze wiederum schließt das Szenario aus, in dem ein einzelner schlechter Trade groß genug wird, um den Trader emotional aus der Bahn zu werfen. Das ist das Standardwerkzeug systematischer Fondsmanager.

Das Stufensystem — eine diskrete Alternative

Die andere professionelle Variante ist ein Stufensystem. Anstatt einer kontinuierlichen Risikoskala wie bei reiner Aufzinsung verwendet der Trader eine kleine Anzahl diskreter Risikolevels und wechselt zwischen ihnen nur dann, wenn der Kontostand definierte Schwellenwerte überschreitet. Jeder Übergang ist mechanisch — nichts bleibt dem Moment überlassen.

Praxisbeispiel für Stufensystem-Regeln
Kontostand unter 10.000 Euro0.5 Prozent des Kapitals je Trade riskieren
Kontostand zwischen 10.000 und 20.000 Euro1 Prozent des Kapitals je Trade riskieren
Kontostand zwischen 20.000 und 50.000 Euro1.5 Prozent des Kapitals je Trade riskieren
Kontostand über 50.000 Euro2 Prozent des Kapitals je Trade — feste Obergrenze
Drawdown von 20 ProzentEine Stufe nach unten wechseln, unabhängig vom aktuellen Kontostand

Der Vorteil eines Stufensystems liegt darin, dass jede Entscheidung weit im Voraus getroffen wird — mit klarem Kopf und stabilem Konto. Tritt ein Drawdown ein, muss der Trader nicht überlegen, ob er das Risiko reduziert: Die Regel löst automatisch aus. Das eliminiert die zwei gefährlichsten Verhaltensfehler im Retail-Trading: Überzeugung nach einer Gewinnserie und Panik nach einer Verlustserie. Die harten Schwellenwerte wirken als Schutzschalter.

Konkretes Beispiel — Annas Konto unter beiden Systemen

Anna handelt seit zwei Jahren auf einem 10.000-Euro-Konto. Ihre Trefferquote beträgt 60 Prozent, ihr CRV liegt bei 1 zu 1.5, und sie nimmt rund 200 Trades pro Jahr. So gestaltet jedes System ihre Kontobewegung.

Mit einem festen Lot von 0.1 und einem Stop Loss von 30 Pips auf EUR/USD riskiert jeder Trade 30 Euro. Der Erwartungswert liegt bei rund 0.5 Einheiten Risiko (R) je Trade; über 200 Trades summiert sich das auf 30R pro Jahr — etwa 3.000 Euro Gewinn. Jahr eins endet bei 13.000 Euro, Jahr zwei bei 16.000 Euro, nach fünf Jahren erreicht Annas Konto 25.000 Euro. Die Wachstumskurve ist linear, weil das Lot sich nie mit dem Kontostand bewegt.

Bei Aufzinsung mit einem Prozent Risiko setzt jeder Trade ein Prozent des aktuellen Kontostands aufs Spiel. Jahr eins schließt mit rund 30 Prozent Plus bei 13.000 Euro. Jahr zwei fügt 30 Prozent auf eine größere Basis hinzu — weitere 3.900 Euro — und endet bei 16.900 Euro. Fünf Jahre dieser Disziplin ergeben einen Kontostand von rund 37.100 Euro, mit klassisch exponentiellem Wachstum.

Der Fünf-Jahres-Unterschied: Die Aufzinsung liefert etwa das 1.5-fache mehr Kapital. Doch ein einziger Drawdown von 30 Prozent in Jahr drei — für ein Retail-Konto völlig realistisch — zieht das Aufzinsungskonto von 22.500 auf 15.750 Euro. Derselbe Drawdown beim festen System bringt Anna von 19.000 auf 13.300 Euro. Das Aufzinsungskonto verliert mehr in absoluten Geldbeträgen, und die Erholung der vollen Positionsgröße ist langsamer, weil das Lot mit dem Kontostand geschrumpft ist.

Praktische Empfehlungen nach Erfahrungsstand

Die Wahl zwischen Aufzinsung und festem Lot ist keine philosophische Präferenz — sie hängt vom konkreten Entwicklungsstand des Traders ab. Je weniger Erfahrung hinter dir liegt, desto wichtiger ist Vorhersehbarkeit gegenüber maximaler Wachstumsrate. Wer verstehen will, wie Risikomanagement im Forex-Handel systematisch aufgebaut wird, findet in der Kategorie Risikomanagement den passenden Einstieg.

Sizing-System je Entwicklungsstand
Anfänger — erste 0 bis 6 Monate im Live-TradingFestes 0.1 Lot für Einfachheit und geringe emotionale Schwankung
Fortgeschrittener — 6 bis 24 MonateAufzinsung mit Untergrenze (Anti-Martingal) — ein sicherer Hybrid
Professionell — zwei oder mehr Jahre kontinuierlich profitabelVollständige Aufzinsung oder Stufensystem
FondsmanagerAufzinsung unter Risikomanager-Aufsicht mit harten täglichen Verlustlimits
Jeder Drawdown von 20 ProzentPause, Trading-Tagebuch prüfen, eine Risikosufe nach unten in Betracht ziehen

Die Basisregel für Anfänger ist einfach: Verbringe die ersten 6 bis 12 Monate im Live-Trading mit einem festen Lot. Das Ziel ist noch nicht, die Rendite zu maximieren, sondern die eigene Strategie und die eigenen Reaktionen unter Druck zu verstehen. Erst wenn du mindestens 200 dokumentierte Trades mit einem nachgewiesenen Vorsprung — Erwartungswert über 0.3R je Trade — hinter dir hast, solltest du mit dem Anti-Martingal-Hybrid experimentieren. Vollständige Aufzinsung gehört zu dem Zeitpunkt, zu dem du mindestens zwei aufeinanderfolgende profitable Jahre mit stabilem Verhalten durch Gewinn- und Verlustserie abgeschlossen hast.

Häufige Fehler bei der Wahl der Positionsgröße

  1. Aufzinsung ohne die nötige psychologische Grundlage. Wer auf prozentbasiertes Risiko wechselt, bevor er Toleranz für 20 bis 30 Prozent Drawdown aufgebaut hat, landet bei panikgetriebenen Systemwechseln. Mark aus dem Intro ist das klassische Beispiel — drei Monate Arbeit, kein Nettoergebnis, weil er die Regeln ständig änderte.
  2. Willkürliche Änderungen der Lotgröße. Die schlimmste Variante: Die Positionsgröße hängt vom Vertrauen nach dem letzten Trade ab — größeres Lot nach Gewinn, kleineres nach Verlust. Ohne System gibt es keine Vorhersehbarkeit in der Equity-Kurve.
  3. Zu aggressive Risikoprozentsätze. Fünf Prozent des Kapitals je Trade zu riskieren wirkt attraktiv — bis zur ersten Serie von zehn Verlusten, die dann die Hälfte des Kontos auslöscht. Der professionelle Standard liegt bei 1 bis 2 Prozent je Trade.
  4. Aufzinsung ohne Untergrenze. Reine Aufzinsung ohne Mindestlot bedeutet, dass nach einem tiefen Drawdown das Lot so klein wird, dass es nicht mehr sinnvoll handelbar ist und die Erholung Jahre dauert. Eine Untergrenze löst dieses Problem.
  5. Aufzinsung ohne Obergrenze. Mit wachsendem Konto wird ein einzelner Trade groß genug, dass der Trader die Größenveränderung emotional nicht mehr verarbeiten kann. Eine Obergrenze hält jede Position in einem Bereich, mit dem der Trader tatsächlich umgehen kann.

Zusammenfassung

Die Wahl zwischen Aufzinsung und festem Lot ist eine grundlegende Risikomanagement-Entscheidung. Aufzinsung liefert exponentielles Wachstum — bei 50 Prozent Jahresrendite werden aus 10.000 Euro in fünf Jahren 76.000 Euro. Festes Lot bei denselben Parametern ergibt lineares Wachstum und bringt dich auf 35.000 Euro. Der Abstand ist dramatisch, gilt aber nur dann, wenn der Trader fünf Jahre ohne ernsthaften Drawdown übersteht — eine Annahme, die mit dem tatsächlichen Verlauf von Retail-Trading kaum übereinstimmt.

Ein festes Lot ist die optimale Wahl für die ersten 6 bis 12 Monate im Live-Trading. Es liefert Vorhersehbarkeit, geringe emotionale Belastung und die Zeit, die nötig ist, um einen dokumentierten statistischen Vorsprung aufzubauen. Die Grundlagen des Forex-Handels — darunter Kontotypen, Lotgrößen und Orderarten — solltest du beherrschen, bevor du überhaupt mit der Wahl des Sizing-Systems beginnst. Sobald du die 200-Trade-Schwelle mit einem Erwartungswert über 0.3R je Trade überschritten hast, ist der nächste sinnvolle Schritt das Anti-Martingal-Hybrid — Aufzinsung mit einer Untergrenze, die die Lähmung nach einem Drawdown verhindert.

Vollständige Aufzinsung gehört zu Tradern, die zwei aufeinanderfolgende profitable Jahre hinter sich haben. Sie fordert echte psychologische Disziplin, weil absolute Drawdowns mit dem Kontostand skalieren. Die Alternative ist ein Stufensystem mit diskreten Risikolevels, bei dem jeder Übergang im Voraus festgelegt ist und die Regeln auch in den schwierigsten Momenten eines Drawdowns mechanisch bleiben.

Unabhängig davon, für welches System du dich entscheidest: Das Risiko je Trade sollte zwei Prozent des Kapitals nicht überschreiten, und jeder Drawdown von 20 Prozent ist eine Pause wert — gefolgt von einer sorgfältigen Lektüre des Trading-Tagebuchs und einem möglichen Schritt auf die nächstniedrigere Risikostufe. Wie du einzelne Praxis-Techniken — von der Journalführung bis zum Pre-Trade-Checklist — konkret umsetzt, erfährst du in der Kategorie Praxis. Positionsgrößenbestimmung ist ein größerer Teil deines Vorsprungs als das Einstiegssignal selbst — und verdient dieselbe Sorgfalt wie jeder andere Teil der Strategie.

Was jetzt zu tun ist

  1. Bestimme deinen aktuellen Erfahrungsstand. Zähle deine dokumentierten Live-Trades und berechne deinen Erwartungswert. Unter 200 Trades oder unter 0.3R Erwartungswert: Bleib beim festen Lot, bis diese Schwellen überschritten sind.
  2. Lege die Parameter deines Systems schriftlich fest. Ob festes Lot, Anti-Martingal-Hybrid oder Stufensystem — formuliere die Regeln exakt: Lotgröße, Untergrenze, Obergrenze, Risikoanteil, Schwellenwerte für Stufenwechsel. Kein Parameter darf dem Gefühl des Moments überlassen bleiben.
  3. Backteste dein Sizing auf historischen Daten. Wende deine Regeln auf die letzten 200 Trades aus deinem Trading-Tagebuch an und beobachte, wie sich Equity-Kurve und maximaler Drawdown unter jedem System verhalten hätten. Konkrete Zahlen ersetzen Annahmen durch belastbare Erkenntnisse.
  4. Definiere deinen persönlichen Drawdown-Trigger. Lege jetzt fest, bei welchem Drawdown-Prozentsatz du automatisch eine Stufe zurückgehst oder auf festes Lot wechselst. Schreibe diese Zahl in deinen Trading-Plan, bevor du den nächsten Trade eröffnest.
  5. Überprüfe dein Sizing-System alle drei Monate. Vergleiche die tatsächliche Entwicklung deiner Equity-Kurve mit den Modellprojektionen aus dem Backtesting. Weicht die Realität systematisch ab, ist das ein Signal, die Risikoparameter zu überdenken — nicht impulsiv, sondern nach einer ruhigen Analyse aller Trades im Quartal.
Jarosław Wasiński
Über den Autor

Jarosław Wasiński

Chefredakteur bei MyBank.pl · Finanz- und Marktanalyst

Unabhängiger Analyst und Praktiker mit über 20 Jahren Erfahrung im Finanzsektor. Gründer und Chefredakteur des Portals MyBank.pl, aktiv seit 2004. Fundamentalanalyse der Devisen- und Makromärkte seit 2007. Schreibt aus europäischer Marktperspektive im regulatorischen Rahmen von ESMA und BaFin.

Quellen und Literatur

  1. Ralph Vince Mathematics of Money Management · optimal f www.amazon.com ↗
  2. Van K. Tharp Trade Your Way to Financial Freedom · position sizing www.amazon.com ↗
  3. Edward Thorp Beat the Dealer · Kelly criterion en.wikipedia.org ↗

Häufig gestellte Fragen

Aufzinsung vs. festes Lot?

Aufzinsung (% des Eigenkapitals): Lotgröße = Kontostand × Risikoprozent ÷ (Stop-Loss-Pips × Pip-Wert). 10.000-Euro-Konto, 1 % Risiko, 30 Pips Stop Loss, EUR/USD: 100 ÷ (30 × 10) = 0.33 Lot. Nach Wachstum auf 12.000 Euro: 120 ÷ (30 × 10) = 0.40 Lot. Festes Lot: 0.1 Lot immer, unabhängig vom Kontostand. Aufzinsung: exponentielles Wachstum (10.000 Euro → 100.000 Euro in 5 Jahren bei +50 % pro Jahr). Festes Lot: linear (10.000 Euro → 60.000 Euro in 5 Jahren). Aufzinsung: auch exponentieller Drawdown (−50 % Konto = −50 % Lotgröße beim nächsten Trade). Festes Lot: linearer Drawdown. Abwägung: Aufzinsung = mehr Aufwärtspotenzial, aber mehr Risiko.

Wann ist Aufzinsung sinnvoll?

Aufzinsung ist sinnvoll, wenn: (1) Vorsprung bestätigt (Erwartungswert > 0.3R in 200+ Trades). (2) 2+ Jahre profitabel. (3) Emotionale Stabilität — ein Drawdown von −20 % löst keine Panik aus. (4) Langfristiger Plan — exponentielles Wachstum von 10.000 Euro auf 100.000 Euro in 5–10 Jahren angestrebt. Ohne diese Voraussetzungen ist das feste Lot besser. Anfänger denken oft: „Aufzinsung, weil Profis das machen." Realität: Profis nutzen Aufzinsung nach Jahren der Erfahrung. Anfänger, die Aufzinsung einsetzen, wechseln nach dem ersten großen Verlust in Panik das System und vernichten den Vorteil. Aufzinsung erfordert emotionale Disziplin über den gesamten Zyklus.

Wann ist das feste Lot besser?

Das feste Lot ist besser, wenn: (1) Anfänger / erste 6–12 Monate im Live-Trading. (2) Vorsprung unklar (Erwartungswert < 0.2R). (3) Emotionale Instabilität — Panik bei Verlusten. (4) Ziel: stabiles Einkommen, nicht maximales Wachstum. Praxis: Anna mit 10.000-Euro-Konto, festes 0.1 Lot. Jeder Trade riskiert 30 Euro (30 Pips Stop Loss × 10 Euro). 10 aufeinanderfolgende Verluste = −300 Euro (3 % des Kontos). Keine emotionale Eskalation. Aufzinsung würde das Lot nach Verlusten auf 0.07 senken (3 % Verlust = 3 % kleineres Lot) — psychologisch entlastend, aber die Erholung bleibt linear. Festes Lot: einfach, vorhersehbar, für Anfänger geeignet. Weniger Aufwärtspotenzial, aber geringeres emotionales Risiko.

Anti-Martingal-Hybrid — was ist das?

Anti-Martingal (im Gegensatz zum Martingal = Risiko nach Verlust erhöhen, gefährlich!) = Lot nach Gewinnen erhöhen, nach Verlusten senken. Häufigste professionelle Umsetzung: Aufzinsung mit Untergrenze. Lotgröße = Kontostand × 1 % ÷ Stop-Loss-Pips, aber Mindestlot 0.1 (geht nicht darunter). Beispiel: 10.000-Euro-Konto fällt durch Drawdown auf 5.000 Euro. Reine Aufzinsung: 0.05 Lot (50 % Reduktion). Anti-Martingal mit Untergrenze: 0.1 Lot. Erholung schneller. Andere Variante: Stufensystem. Nach +20 % Wachstum (10.000 Euro → 12.000 Euro) Risiko von 1 % auf 1.5 % erhöhen. Nach −20 % Drawdown (12.000 Euro → 10.000 Euro) auf 1 % zurückreduzieren. Mechanisch, antiemotional. Standardansatz in Hedgefonds.

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