Wie berechnet man die Positionsgröße, um nicht mehr als 1 % zu verlieren?
Teil 1 von 3Die 1-%-Regel — warum dieses Limit das Konto schützt
Die 1-%-Regel besagt, dass du in keiner einzelnen Position mehr als 1 % deines Kapitals riskierst. Bei einem Konto von 10.000 USD sind das 100 USD Risiko pro Trade — unabhängig davon, wie „sicher" das jeweilige Setup aussieht. Diese Regel ist kein willkürlicher Grenzwert, sondern das Ergebnis der Verlustserien-Statistik, die jede Strategie früher oder später produziert.
Warum genau 1 %? Weil jede Strategie statistisch Verlustserien erzeugt — manchmal 5, manchmal 10, manchmal 15 Verluste am Stück. Mit 1 % Risiko kosten zehn aufeinanderfolgende Verluste ~10 % des Kapitals (geometrisch 9,6 %). Mit 5 % Risiko schrumpft das Konto um ~40 %. Mit 10 % Risiko um ~65 % — und Konten erholen sich selten bis zum Ausgangsniveau. Eine Verlustserie von zehn Trades ist kein Extremszenario, sondern Alltag jedes soliden Systems in einer ungünstigen Phase. Die 1-%-Regel macht aus dieser Serie einen beherrschbaren Rückschlag, keinen Totalverlust.
Das Limit von 1 % ist ein zentraler Baustein des Risikomanagements im Forex-Trading: Es verbindet das verfügbare Kapital direkt mit der tatsächlichen Positionsgröße, die du eröffnest.
Teil 2 von 3Die Formel für die Positionsgröße
Drei Variablen genügen:
- Kapital × 1 % = maximaler Verlust in der Kontowährung
- Stop-Loss-Abstand in Pips = wie viele Pips zwischen Einstieg und Stop Loss liegen
- Pip-Wert für das gehandelte Währungspaar und die Lotgröße
Formel: Positionsgröße in Lots = (Kapital × 1 %) / (SL-Abstand in Pips × Pip-Wert pro 1 Lot)
Der Pip-Wert ist die Variable, die Anfänger am häufigsten verwirrt. Für EUR/USD beträgt er bei einem Standard-Lot (100.000 Einheiten) exakt 10 USD. Bei einem Mini-Lot (10.000 Einheiten) sind es 1 USD, bei einem Mikro-Lot (1.000 Einheiten) 0,10 USD. Mit diesem Wert verwandelt die obige Formel jede Kombination aus Kapital, Stop Loss und Währungspaar in eine konkrete Lotzahl. Alles Wesentliche rund um Pip, Spread, Lot und Hebel findest du in der Rubrik Technische Konzepte.
„Die Positionsgröße ist die wichtigste Variable in jedem Handelssystem. Nicht der Einstieg, nicht der Ausstieg, nicht der Indikator — die Größe." — Van K. Tharp, Trade Your Way to Financial Freedom, McGraw-Hill, 1999
Teil 3 von 3Beispiel: EUR/USD, Konto 10.000 USD, Stop Loss 30 Pips
Du eröffnest 0.33 Lot, nicht 1 Lot. Wird der Stop Loss ausgelöst, verlierst du 100 USD — also 1 % des Kapitals. Dein Konto übersteht eine Verlustserie von zehn Trades mit minimalem Schaden.
Wann du den Risikoprozentsatz anpassen solltest
1 % ist der empfohlene Ausgangspunkt, kein Dogma. Es gibt Situationen, in denen es sinnvoll ist, ihn zu senken — oder mit Vorsicht leicht anzuheben.
Auf 0,5 % reduzieren ist ratsam, wenn du gerade mit Echtgeld anfängst, eine neue Strategie testest, die noch kein Echtgeld-Protokoll hat, oder wenn die Marktvolatilität ungewöhnlich hoch ist — etwa während US-Arbeitsmarktdaten (NFP) oder Zentralbankentscheidungen. In solchen Phasen ist die Unsicherheit über die Setup-Qualität größer als sonst.
Auf 2 % erhöhen ist nur sinnvoll, wenn du mindestens sechs Monate dokumentiertes Echtgeld-Protokoll mit positivem Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) vorweisen kannst. Selbst dann gilt 2 % als praktische Obergrenze vieler professioneller Fondsmanager — nicht 5 % oder 10 %. Der Grund ist reine Arithmetik: Einen Drawdown (Kapitalrückgang) von 10 % auszugleichen erfordert eine Rendite von ~11 %; einen Drawdown von 50 % auszugleichen erfordert 100 %. Die Kosten schlechter Serien wachsen nichtlinear.
Auf europäischer Regulierungsebene legt ESMA (Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde) für Retail-Trader bei Hauptwährungspaaren eine maximale Hebelwirkung von 1:30 fest. Niedriges Risiko pro Trade und reduzierter Hebel sind zwei Seiten derselben Medaille: Hoher Hebel erhöht nicht die Gewinne, er beschleunigt nur das Tempo, in dem das Kapital schwindet. Für den deutschen Markt ist BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) die nationale Aufsichtsbehörde — sie setzt die ESMA-Vorgaben direkt um.
Der häufigste Fehler bei der Anwendung der Regel
Das häufigste Problem ist nicht, die Regel zu ignorieren, sondern sie mechanisch anzuwenden, ohne die verfügbaren Lotgrößen in der Plattform zu prüfen. Viele Trader berechnen die theoretische Größe korrekt — zum Beispiel 0,07 Lot — und eröffnen dann 0,10, weil „das das Broker-Minimum ist" oder weil sie der Einfachheit halber aufrunden. Dieses Aufrunden bricht die Regel. Wenn die berechnete Größe mit den verfügbaren Instrumenten nicht umzusetzen ist, lautet die korrekte Antwort: Stop-Loss-Abstand verringern oder den Trade nicht eröffnen — nicht das Lot aufblähen.
Ein zweiter Fehler besteht darin, die 1 % auf einen alten Kontostand anzuwenden, ohne die Berechnungsbasis zu aktualisieren. Mindestens einmal pro Woche — oder immer dann, wenn sich der Kontostand deutlich verändert — solltest du den aktuellen Saldo neu ermitteln und die Risikobasis anpassen. Nutze die Zahl, die deine Plattform gerade anzeigt, nicht den Wert vom letzten Einzahlungsdatum. Mehr zur soliden Handelspraxis bietet die Rubrik Grundlagen des Marktes.
Was jetzt zu tun ist
- Berechne dein maximales Risiko in Euro oder Dollar. Öffne den aktuellen Kontostand, multipliziere ihn mit 0,01 und notiere das Ergebnis. Dieser Betrag — nicht der abstrakte Prozentsatz — ist dein reales Limit pro Trade. Wenn dein Konto 3.500 EUR hat, beträgt dein Limit 35 EUR pro Position. Schreib es auf einen Zettel neben deinen Monitor oder in die erste Zeile deines Trading-Journals (Handelstagebuch).
- Berechne vor jedem Trade die Lotzahl mit der Formel. Teile dein maximales Risiko durch (SL-Abstand in Pips × Pip-Wert für dein übliches Währungspaar). Ist das Ergebnis kleiner als das Broker-Minimum, eröffne den Trade nicht oder passe den Stop Loss so an, dass die Rechnung eine ausführbare Größe ergibt. Runde niemals nach oben, um es dir einfacher zu machen.
- Aktualisiere die Kapitalbasis mindestens einmal pro Woche. 1 % von 3.500 EUR ist nicht dasselbe wie 1 % von 4.200 EUR nach einem positiven Monat. Verwende immer den aktuellen Echtgeld-Kontostand als Ausgangspunkt der Berechnung — keine fixe Zahl von vor Wochen.
- Dokumentiere jeden Trade mit berechneter und tatsächlich eröffneter Lotzahl. Trage in dein Trading-Journal ein: das berechnete Lot, das tatsächlich eröffnete Lot und die Differenz. Überschreitet die Abweichung dauerhaft 10 %, liegt ein Disziplinproblem vor, das du besser früh erkennst — bevor eine Verlustserie es verstärkt.
- Teste die Formel an einem Demo-Konto, bis sie automatisch läuft. Berechne bei jedem Demo-Trade die Positionsgröße schriftlich, bevor du die Order aufgibst. Nach 20–30 Trades wird der Ablauf zur Routine — und du trägst diese Routine automatisch in den Echtgeld-Handel über, ohne in stressigen Marktphasen ins Zögern zu geraten.
Quellen und Literatur
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Van K. Tharp Institute About Van K. Tharp — pioneer of position sizing · Author biography & methodology www.vantharp.com ↗
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Van K. Tharp / McGraw-Hill Trade Your Way to Financial Freedom (1999), Position Sizing chapter · ISBN 978-0-07-147871-7 www.mhprofessional.com ↗
Häufig gestellte Fragen
Funktioniert die 1-%-Regel auch bei einem kleinen Konto, z. B. 500 USD?
Ja, aber dann sind Mikro-Lots erforderlich. Bei einem Konto von 500 USD bedeutet die 1-%-Regel ein maximales Risiko von 5 USD pro Trade. Mit einem Stop Loss über 30 Pips und einem Pip-Wert von 0.10 USD pro Mikro-Lot (0.01 Lot) ergibt sich eine maximale Positionsgröße von etwa 0.017 Lot — rund 1,7 Mikro-Lots. Die meisten ECN-Broker erlauben Positionen ab 0.01 Lot, die Regel ist also umsetzbar. Konten unter 500 USD schränken die verfügbaren Instrumente erheblich ein und machen 1 % manchmal zu klein, um typische Spreads abzudecken.
Sollte ich mehr als 1 % riskieren, wenn das Setup sehr gut aussieht?
Die subjektive Einschätzung, wie „sicher" ein Setup ist, gehört zu den häufigsten psychologischen Fallen im Trading. Forschungen zur Entscheidungsfindung unter Unsicherheit (Kahneman, Tversky) zeigen, dass Menschen die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen, auf die sie sich konzentrieren, systematisch überschätzen. Selbst eine Strategie mit 65 % Trefferquote verliert bei 35 von 100 Trades — und diese Verluste verteilen sich nicht gleichmäßig über die Zeit. Das Risiko über 2 % anzuheben erfordert einen dokumentierten, mehrmonatigen Edge auf einem Echtgeld-Konto. In jedem anderen Fall schützt die 1-%-Regel davor, dass Emotionen die Positionsgröße beeinflussen.
Wie rechne ich den Pip-Wert um, wenn mein Konto in EUR geführt wird, ich aber USD/JPY handle?
Bei USD/JPY entspricht ein Pip 0.01, und der Pip-Wert pro Standard-Lot in Dollar hängt vom aktuellen USD/JPY-Kurs ab — bei 150.00 sind es rund 6.67 USD. Um auf EUR umzurechnen, teilst du den Dollar-Betrag durch den EUR/USD-Kurs. Bei EUR/USD 1.09 ergibt ein Pip auf einem Standard-Lot USD/JPY etwa 6.67 / 1.09 = ~6.12 EUR. Die meisten Plattformen berechnen diese Umrechnung automatisch und zeigen den Pip-Wert in der Kontowährung an. Es lohnt sich, diesen Wert im Positionsrechner zu prüfen, bevor du einen Trade auf einem JPY-Paar eröffnest.