GBP/USD „Cable" — das volatilste Major-Paar

Risikohinweis · YMYL Dieser Artikel dient ausschließlich zu Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Der Handel am Forex-Markt birgt ein hohes Risiko des Kapitalverlusts — die ESMA berichtet, dass zwischen 74 % und 89 % der Privatanlegerkonten Verluste erleiden.

Ein Trader, der EUR/USD gewohnt ist, wechselt zu GBP/USD. Er setzt 1 Lot mit einem Stop Loss von 30 Pip — so wie er es beim Euro kennt. Fünfzehn Minuten später ist der Stop getroffen. Frustriert schließt er die Position: „Cable bewegt sich zu schnell.“ Genau so ist es — und genau deshalb heisst dieses Paar Cable. Im Folgenden erkläre ich die Charakteristik des „Volatilitiätsführers“ unter den Majors: was hinter dem Spitznamen steckt, welche Zahlen du kennen musst und wann du den Cable besser links liegen lässt.

Woher kommt der Name „Cable"?

Der Spitzname Cable stammt aus dem Jahr 1858 — damals wurde das erste transatlantische Telegrafenkabel zwischen London und New York verlegt. Zuvor dauerte die Aktualiserung der Wechselkurse für GBP/USD eine Woche, weil die Daten per Schiff überquert werden mussten. Mit dem Kabel schrumpfte die Übertragungszeit auf 30 Minuten. FX-Händler begannen, den Kurs schlicht „den Kabelkurs“ oder kurz „Cable“ zu nennen. Der Name hat 165 Jahre überlebt — Telegrafenkabel gibt es längst nicht mehr, aber jeder erfahrene Forex-Trader weiß sofort, welches Währungspaar gemeint ist, wenn jemand „Cable“ sagt.

Cable in Zahlen

GBP/USD · Daten 2024
Globaler Umsatz9 % (2. Platz nach EUR/USD)
Täglicher ATR100–150 Pip
Jahresspanne2 000–3 500 Pip
Spread (Raw-Konto, Peak)0.3–0.8 Pip
Korrelation mit EUR/USD+0.8
Korrelation mit DXY−0.75

Neun Prozent des weltweiten Devisenumsatzes entfallen auf GBP/USD (BIS Triennial Survey 2022) — damit ist es das zweitmeistgehandelte Major-Paar. Die Liquidität ist erheblich höher als bei Minors oder Exoten, aber deutlich geringer als bei EUR/USD mit seinen 24 Prozent. Dieses Liquiditätsgefälle hat direkte Konsequenzen für Spreads und Kursbewegungen — dazu gleich mehr.

Charakteristik — schneller, aber mehr Noise

Cable unterscheidet sich in drei wesentlichen Punkten von EUR/USD:

  1. 50 % größere Volatilität — tägliche Bewegungen von 100–150 Pip gegenüber 65–80 Pip bei EUR/USD
  2. Höherer Noise auf M5/M15 — False Breakouts sind deutlich häufiger
  3. Starke Nachrichtenreagibilität — britische Politiknachrichten können den Kurs innerhalb von fünf Minuten um mehr als 100 Pip bewegen

Drei Gründe erklären, warum Cable so viel beweglicher ist als EUR/USD. Erstens die geringere Liquidität: 9 % Umsatzanteil gegenüber 24 % bedeutet weniger Market Maker im Orderbuch und damit größere Spreads in ruhigen Stunden oder nach Datenschocks. Zweitens das Brexit-Erbe: Seit dem Referendum im Juni 2016 ist GBP eine politische Währung — jede Meldung aus Westminster kann den Kurs sofort bewegen, auch wenn die Makrodaten neutral aussehen. Drittens die Größe der Volkswirtschaft: Das britische BIP beträgt rund 3 Billionen US-Dollar, die USA liegen bei 25 Billionen, die Eurozone bei 15 Billionen. Eine einzelne Entscheidung der Bank of England (BoE) wirkt deshalb prozentual stärker auf GBP als eine Fed-Entscheidung auf EUR/USD.

„GBP/USD ist das dynamischste Major-Paar — wer beim Cable handelt, muss auf breitere Stops und schärfere Positionsgrößendisziplin bestehen, sonst wird das Konto zum Spielball der Volatilität.“ — Jarosław Wasiński, 2024

Fundamentale Treiber — fünf Katalysatoren

Fünf Faktoren treiben GBP/USD am stärksten:

  1. BoE-Entscheidungen (8× jährlich, donnerstags 13:00 Uhr CET) — der Leitzinsentscheid der Bank of England ist der mächtigste Einzelkatalysator für Cable. BaFin-regulierte Broker müssen Kunden auf erhöhte Volatilität rund um solche Termine hinweisen.
  2. UK CPI (circa am 17. des Monats, 8:00 Uhr CET) — Inflationsdaten prägen die Erwartungen an künftige BoE-Schritte
  3. UK GDP (quartalsweise) — Wächst die britische Wirtschaft, steigt der Druck auf die BoE, die Zinsen anzuheben
  4. Fed-Entscheidungen (wie bei EUR/USD) — der US-Dollar-Anteil des Paares reagiert auf jeden FOMC-Kommentar
  5. UK-Politik — Parlamentswahlen, Premierministerwechsel und Brexit-Nachwirkungen können den Kurs auch ohne Wirtschaftsdaten heftig bewegen

Für einen tieferen Einstieg in die Analyse von Zentralbankentscheidungen und Makrodaten lohnt sich ein Blick auf die Fundamentalanalyse-Sektion — dort erkläre ich, wie man BoE- und Fed-Mitteilungen systematisch einordnet.

Brexit-Erbe — warum GBP seit 2016 eine politische Währung ist

Seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 reagiert Cable auf britische Politiknachrichten mit einer Intensität, die vor 2016 selten war. Jedes dieser Ereignisse kann eine Bewegung von 50–200 Pip auslösen:

  • Parlamentswahlen
  • Premierministerwechsel — der Truss-Absturz im Oktober 2022 kostete Cable binnen einer Woche −600 Pip
  • EU-UK-Handelspolitik und Nordirland-Protokoll
  • Drohungen hinsichtlich eines schottischen Unabhängigkeitsreferendums

Für Retail-Trader bedeutet das: den britischen politischen Kalender im Blick behalten. In Wochen mit hohem politischem Risiko verzichten viele erfahrene Trader ganz auf Cable-Positionen.

Strategien für Cable

  • Swing Trading auf H4/D1 — am besten geeignet; Stop Loss 60–80 Pip, Take Profit 120–200 Pip
  • London-Open-Breakout 8:00–9:00 Uhr CET — Cable bricht häufig die asiatische Range zum Londoner Handelsöffnung auf
  • Trendfolgstrategie — Cable entwickelt starke Trends von 200–500 Pip, die gut für Trendfolgestrategien geeignet sind
  • Scalping: nicht empfehlenswert — der hohe Noise auf kleinen Zeitrahmen frisst den Gewinn auf
  • M5/M15: nicht empfehlenswert — False Breakouts sind auf diesen Zeitrahmen bei Cable deutlich häufiger als bei EUR/USD

Wer Strategien erst in der Theorie und dann auf einem Demokonto testen möchte, bevor echtes Kapital eingesetzt wird, findet in der Technische Analyse-Sektion einen umfassenden Überblick über Chartmuster, Indikatoren und Einstiegsmethoden, die sich für Cable bewährt haben.

Praktische Hinweise zur Positionierung

  1. Stop Loss mindestens 60 Pip für Swing-Positionen — Cable braucht Raum, enge Stops werden routinemäßig ausgestoppt
  2. Kleinere Positionsgröße — bei höherer Volatilität ist das Risiko je Pip größer; die Positionsgröße entsprechend anpassen, um das Risikobudget konstant zu halten
  3. Nur London-Session 8:00–17:00 Uhr CET — außerhalb dieser Stunden werden die Spreads zu breit für ein vernünftiges CRV
  4. M5/M15 meiden — der Noise frisst den Gewinn; H1 ist das Mindestintervall
  5. Britischen politischen Kalender prüfen vor jedem Einstieg — in politisch heissen Wochen lieber passen

Was jetzt zu tun ist

Cable ist ein faszinierendes Paar für erfahrene Trader. Größere Bewegungen bedeuten größeres Gewinnpotenzial — aber auch größeres Verlustrisiko. Nach 6–12 Monaten mit EUR/USD ist GBP/USD ein sinnvoller nächster Schritt. Wer diesen Schritt konkret angehen möchte, sollte folgende Punkte der Reihe nach abarbeiten:

  1. Verbring mindestens drei bis sechs Monate ausschließlich mit EUR/USD auf einem Demokonto, bevor du Cable auch nur auf dem Demo anrührst — die höhere Volatilität von GBP/USD bestraft Fehler, die du bei EUR/USD noch kompensieren könntest, sofort und stärker.
  2. Passe deinen Stop Loss auf mindestens 60 Pip für Swing-Positionen an und reduziere gleichzeitig deine Positionsgröße so, dass das Risiko pro Trade in Euro oder Prozent des Kontos identisch bleibt wie beim Euro-Dollar — die Volatlität steigt, dein Risiko pro Trade sollte es nicht.
  3. Abonniere einen britischen Wirtschaftskalender (ONS, Bank of England) und markiere die BoE-Sitzungstermine für das gesamte Jahr vorab — in den 48 Stunden rund um solche Sitzungen ist Cable unberechenbar, und viele erfahrene Swing-Trader halten dann gar keine offenen Positionen.
  4. Beoachte Cable mindestens vier Wochen lang täglich auf dem H4-Chart, ohne eine einzige Position zu eröffnen — notiere, wie der Kurs auf britische Wirtschaftsdaten, US-Nachrichten und politische Schlagzeilen reagiert, bevor du echtes Kapital riskierst.
  5. Entscheide dich bewusst für Swing Trading oder Trendfolge auf größeren Zeitrahmen (H4/D1) und verwirf den Gedanken, Cable intraday auf M5 oder M15 zu scalpen — der Noise auf diesen Zeitrahmen ist zu hoch, als dass eine positive Erwartungswert-Strategie realistisch wäre.
Jarosław Wasiński
Über den Autor

Jarosław Wasiński

Chefredakteur bei MyBank.pl · Finanz- und Marktanalyst

Unabhängiger Analyst und Praktiker mit über 20 Jahren Erfahrung im Finanzsektor. Gründer und Chefredakteur des Portals MyBank.pl, aktiv seit 2004. Fundamentalanalyse der Devisen- und Makromärkte seit 2007. Schreibt aus europäischer Marktperspektive im regulatorischen Rahmen von ESMA und BaFin.

Quellen und Literatur

  1. BIS Triennial Survey 2022 · oficjalne statystyki www.bis.org ↗
  2. Bank of England Monetary Policy Decisions · oficjalne decyzje BoE www.bankofengland.co.uk ↗
  3. ONS UK Economic Statistics · office for national statistics UK www.ons.gov.uk ↗

Häufig gestellte Fragen

Woher stammt der Name „Cable"?

Der Name stammt aus dem Jahr 1858, als das erste transatlantische Telegrafenkabel London und New York verband. Zuvor wurden GBP/USD-Kurse per Schiff übermittelt — das dauerte eine Woche. Mit dem Kabel schrumpfte die Übertragungszeit auf 30 Minuten. FX-Händler begannen, den Kurs schlicht „Cable" zu nennen, und der Name ist seit 165 Jahren geblieben. Niemand nutzt mehr Telegrafenkabel, aber jeder erfahrene Forex-Trader weiß sofort, welches Paar gemeint ist, wenn jemand „Cable" sagt.

Warum ist Cable volatiler als EUR/USD?

Drei Gründe: (1) Geringere Liquidität — 9 % Umsatzanteil gegenüber 24 % bei EUR/USD bedeutet weniger Market Maker und damit größere Spreads bei Datenschocks. (2) Brexit-Erbe — seit 2016 ist GBP eine politische Währung und reagiert auf jede britische Politiknachricht. (3) Kleinere Volkswirtschaft — UK-BIP rund 3 Billionen US-Dollar gegenüber 25 Billionen (USA) und 15 Billionen (Eurozone); eine einzelne BoE-Entscheidung hat deshalb einen prozentual stärkeren Kurseffekt. In der Praxis: täglicher ATR des Cable 100–150 Pip gegenüber 65–80 Pip bei EUR/USD.

Wann ist die beste Zeit, um Cable zu handeln?

London-Session 8:00–17:00 Uhr CET — die heimische Zeit für GBP. Engster Spread, höchste Liquidität. Die stärksten Bewegungen kommen oft am Morgen (8:00–10:00 Uhr), wenn britische Banken den Handel aufnehmen. Das Überlappungsfenster mit New York 14:00–17:00 Uhr ist ebenfalls sehr aktiv. Nach 17:00 Uhr (London-Schluss) verlangsamt sich Cable und der Spread weitet sich aus. Asiatische Session und späte New-York-Stunden meiden. Cable wird überwiegend während der Londoner Geschäftszeiten gehandelt.

Ist Cable für Einsteiger geeignet?

Nicht empfohlen. Cable hat 50 % mehr tägliche Volatilität als EUR/USD, breitere Spreads und mehr Noise. Einsteiger verlieren damit schneller Kapital. Sinnvolle Reihenfolge: (1) 3–6 Monate ausschließlich EUR/USD auf dem Demokonto. (2) Nach einem Jahr konsistenter Gewinne GBP/USD in Betracht ziehen. (3) Beachten: Stop Loss muss proportional breiter sein — 60–80 Pip für eine Cable-Swing-Position gegenüber 40–50 Pip bei EUR/USD. Bruttogewinne ähnlich, Bruttoverluste 30–50 % größer.

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